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Dr. Benedikt Wünsche über die Ergebnisse des Wettbewerbs "Der beste Geschäftsbericht 2016"
Freitag, 07. Oktober 2016

Der folgende Artikel ist ursprünglich im Wirtschaftsmagazin BILANZ erschienen:

Siemens als negativer Vorreiter – mehr Pflicht statt Kür in den Geschäftsberichten

Der Geschäftsbericht unterliegt einem stetigen inhaltlichen Wandel. Dabei zeichnet sich ein bedenklicher Trend bei den DAX-Schwergewichten ab.

Ungefähr 20.000 Seiten an Geschäftsberichten haben wir im Wettbewerb „Der beste Geschäftsbericht 2016“ insgesamt analysiert. Die folgenden Ausführungen behandeln einige ausgewählte positive wie negative Ergebnisse unserer Untersuchung.

Bessere Berichterstattung über Risiken und Chancen

Das Positive vorab: Im dritten Jahr nach Einführung des für die Finanzberichterstattung relevanten Deutschen Rechnungslegungs Standards (DRS) 20 gelingt es den 100 größten Börsenunternehmen Deutschlands immer besser, im Geschäftsbericht über die jeweils identifizierten Risiken und ihre möglichen Auswirkungen auf das eigene Unternehmen zu berichten. So enthalten viele Risikoberichte mittlerweile Angaben zu den Eintrittswahrscheinlichkeiten und zu den möglichen Schadenhöhen einzelner Risikokategorien. Immer mehr Unternehmen beziffern zudem, welche negativen finanziellen Auswirkungen mit den Risiken verbunden sind. Hier bieten sich Bandbreitenangaben an, da sich (mögliche) Verluste in den seltensten Fällen verlässlich punktuell quantifizieren lassen.

Erfreulich ist des Weiteren, dass die Unternehmen sich die Vorteile und Möglichkeiten der Chancenberichterstattung zunehmend zu Nutze machen. Wurde der Chancenbericht im Vergleich zu seinem „großen Bruder“, dem Risikobericht, bislang meist stiefmütterlich behandelt – gemäß dem Motto „Zu den Chancen müssen wir im Geschäftsbericht auch noch (irgend)was schreiben“ –, so wird in den 2015-er Geschäftsberichten systematischer und umfassender über Chancen berichtet.

Bei den Prognosen schwächeln die Unternehmen

Die Prognoseberichterstattung ist traditionell das Sorgenkind der Finanzberichterstattung. Dies hat sich auch in den 2015-er Geschäftsberichten nicht zum Guten geändert. Im Gegenteil ist vielmehr festzustellen, dass die Prognosen der Unternehmen zur eigenen Geschäftsentwicklung noch einmal etwas „defensiver“ ausfallen als in den 2014-er Geschäftsberichten. Konkret bedeutet dies, dass nur wenige Unternehmen Umsatz- oder Ergebnisprognosen für einen Zwei-Jahres-Zeitraum abgeben oder Bandbreitenangaben unter Nennung der Annahmen machen. Dabei sind diese Informationen in den Planungsabteilungen der 100 größten deutschen Börsenunternehmen zweifellos vorhanden. Viele Vorstände scheuen indes, diese Planungsdaten auch im Geschäftsbericht zu publizieren, denn dies könnte bei Planverfehlungen künftig zu unangenehmen Nachfragen der Aktionäre führen respektive der Vorstand müsste sich in den Folgejahren dann auch öffentlich an den gesteckten Zielen messen lassen.

Schrumpfkur bei Siemens – von 257 Seiten auf 62 Seiten

Ein bedenklicher Trend zeichnet sich bei einigen Geschäftsberichten der DAX-30-Unternehmen ab. Eine wünschenswerte Straffung derselben weit übersteigend, haben einige Unternehmen ihren Geschäftsbericht 2015 radikal gekürzt. So umfasst der Geschäftsbericht 2015 der Siemens AG exklusive Konzernabschluss und den „weiteren Angaben“ gerade einmal 62 Seiten – der vergleichbare Vorjahreswert lag noch bei 257 Seiten. Zwar korrespondiert die Quantität eines Geschäftsberichts nicht direkt mit dessen Qualität. Allerdings ist wahrscheinlich selbst für Laien erkennbar, dass man die Berichtleser über einen stark diversifizierten Weltkonzern wie Siemens, der im Geschäftsjahr 2015 einen Umsatz von über 75 Mrd. Euro generiert hat und in vielen unterschiedlich geprägten Segmenten tätig ist, in der gebotenen Vollständigkeit und Tiefe wohl kaum in einem Seitenumfang angemessen informieren kann, der für ein mittelständisch geprägtes durchschnittliches SDAX-Unternehmen vernünftig erscheinen mag.

Der Geschäftsbericht 2015 von Siemens enthält weder einen Brief des Vorstandsvorsitzenden an die Aktionäre noch werden diesen wichtige Unternehmensbereiche wie Nachhaltigkeit, Forschung und Entwicklung oder Strategie detailliert erläutert. Herausgekommen ist dabei ein im Wesentlichen auf seine Pflichtbestandteile reduzierter und insofern „unpersönlicher“ Konzernlagebericht mit geringer inhaltlicher Aussagekraft. Dass durch die offensichtlich geringe Wertschätzung des Geschäftsberichts durch Siemens potenzielle Aktionäre und andere Interessengruppen verstimmt werden könnten, sollten die Verantwortlichen auch deshalb einmal bedenken, weil der Geschäftsbericht für viele an einem Unternehmen interessierte Gruppen nach wie vor das einzige umfassende Referenzdokument ist, dessen Hauptbestandteile von einem unabhängigen Abschlussprüfer geprüft worden sind.

Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass das Beispiel Siemens für einige Vorstände als Richtschnur (und weniger als negatives Beispiel) für die eigene künftige Finanzberichterstattung dienen wird („Wenn die das können und der Abschlussprüfer deren Konzernlagebericht abgesegnet hat, können wir das auch.“). Dabei sollten die Entscheidungsgremien indes nicht nur bedenken, dass sich die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) diese Entwicklung wahrscheinlich genau anschauen wird. Fast wichtiger erscheint noch, dass der Geschäftsbericht die Visitenkarte des Unternehmens darstellt. Und wem von uns bleibt eine lieblos gestaltete und quasi nackte Visitenkarte schon lange und vor allem positiv im Gedächtnis?

 

 

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