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Dr. Benedikt Wünsche über Problemfelder und Schwachstellen in der Finanzberichterstattung
Mittwoch, 20. Januar 2016

Der folgenden Artikel ist ursprünglich im Wirtschaftsmagazin BILANZ erschienen:

Fünf Problemfelder der Finanzberichterstattung

Nach dem Geschäftsbericht ist vor dem Geschäftsbericht. In welchen Bereichen Unternehmen ihre Hausaufgaben gründlicher machen sollten: fünf Erkenntnisse aus dem Wettbewerb „Der beste Geschäftsbericht 2015“ als Ansatzpunkte für eine bessere Berichterstattung.

Der Prognosebericht als „Sorgenkind“ des Konzernlageberichts

Neun von zehn Unternehmen optieren für einen Prognosehorizont von einem Jahr und erfüllen damit lediglich die rechtlichen Mindestanforderungen. Viele Unternehmen veröffentlichen zudem keine konkreten Angaben zur geplanten Finanzierung und Liquiditätsentwicklung, zur voraussichtlichen Entwicklung wesentlicher Posten der Konzern Gewinn- und Verlustrechnung oder zur Dividendenentwicklung.

Aus Adressatensicht besonders ärgerlich ist überdies ein zu beobachtender Trend zu besonders „kreativer“ Wortwahl im Zusammenhang mit der Entwicklung von Prognosegrößen. Beispielsweise führt ein Verpackungsmittelhersteller aus, der Umsatz in einem bestimmten Geschäftsbereich „dürfte sich unverändert gut entwickeln“. Ein Unternehmen der Textilindustrie prognostiziert eine „solide Umsatzsteigerung“ sowie „einen soliden Anstieg des operativen Ergebnisses“. Alle Unternehmen seien an die Regelungen in DRS 20.128 f. erinnert, wonach bezüglich der Entwicklung einer Prognosegröße neben der Richtung (z. B. steigen oder fallen) auch die Intensität (z. B. stark, erheblich, geringfügig oder leicht) eindeutig zu benennen ist. Rein qualitative Prognosen sind zudem unzulässig!

Risiken als (scheinbar) unbekannte Größen

Weniger als die Hälfte der Unternehmen quantifiziert Risiken im Risikobericht, obwohl eine entsprechende Verpflichtung besteht, sofern die dargestellten Risiken auch „zur internen Steuerung“ quantifiziert werden. Es fällt schwer zu glauben, dass in den Risikomanagementabteilungen der größten deutschen Unternehmen keine belastbaren Zahlen zur Eintrittswahrscheinlichkeit und zu den möglichen finanziellen Auswirkungen identifizierter Risiken ermittelt werden. Wahrscheinlicher ist, dass die Unternehmen das „Schlupfloch“ in DRS 20.152 bewusst ausnutzen, wonach quantitative Angaben zu den Risiken nur dann gemacht werden müssen, wenn diese Angaben „für den verständigen Adressaten wesentlich sind“.

Mangelnde Stringenz in der Berichterstattung über Leistungsindikatoren

Unternehmen müssen an verschiedenen Stellen im Geschäftsbericht über die für sie jeweils bedeutsamsten finanziellen (bspw. Cash Flow oder EBIT) und nicht finanziellen Leistungsindikatoren (bspw. Kunden- oder Umweltbelange) berichten. Oftmals ist aus den Geschäftsberichten indes nicht eindeutig zu erkennen, welche Leistungsindikatoren das berichterstattende Unternehmen überhaupt als „bedeutsamste“ Leistungsindikatoren ansieht. Des Weiteren mangelt es in vielen Geschäftsberichten an einer stringenten und konsistenten Berichterstattung über die Leistungsindikatoren.

So ist bspw. die Aussage im 2014-er Geschäftsbericht eines Telekommunikationsunternehmen unglaubwürdig, dass die Kundenzufriedenheit als nicht finanzieller Leistungsindikator „zu den wichtigsten Prioritäten“ des Unternehmens zähle, da weder im Wirtschaftsbericht noch im Prognosebericht auf die Kundenzufriedenheit eingegangen wird. Über Leistungsindikatoren ist nicht nur im Rahmen der Berichterstattung über die Grundlagen des Konzerns (Steuerungssystem) zu berichten, sondern auch im Wirtschaftsbericht sowie im Prognosebericht.

Transparenz durch Gesamtaussagen

Die durchschnittlich über 150 Seiten umfassenden Geschäftsberichte der größten deutschen Unternehmen enthalten so vielen Detailangaben, dass es vielen Berichtlesern schwer fallen wird, den Wald vor lauter Bäumen noch zu erkennen. Gesamtaussagen am Ende des Wirtschaftsberichts, des Risikoberichts und des Prognoseberichts bündeln die wesentlichen Aussagen und helfen den Berichtlesern, sich einen schnellen Überblick zu verschaffen.

(Keine) Verschleierungstaktik im Konzernanhang

Im Konzernanhang lässt sich die Tendenz erkennen, „möglichst wenig freiwillig zu sagen, aufzugliedern und zu beziffern“. Beispielsweise stellt kaum ein Unternehmen die Umsatzkosten nach Aufwandsarten dar. Im Konzernanhang eines Pharmakonzerns werden die „sonstigen Erträge“ gar zu weniger als einem Prozent „aufgegliedert“. Auch die Berichterstattung zu den Eventualschulden und zu den laufenden Rechtsstreitigkeiten ist nur bei wenigen Unternehmen konkret und aussagekräftig. Es bleibt zu hoffen, dass sich diese Entwicklung nicht fortsetzt. Denn ein Konzernanhang ohne Aussagekraft ist das Papier nicht wert, auf dem er gedruckt wird.

 

 

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